KI in der Ausbildung: Wie WEG-Hausverwaltungen jetzt attraktiv werden können
Wenn ein Unternehmen heute eine Ausbildung anbietet, die digitale Realität und die Vermittlung von KI-Kompetenz über die gelegentliche Spielerei mit ChatGPT hinausdenkt, sendet es ein starkes Signal an potenzielle Mitarbeiter. Vor allem für Hausverwaltungen sehe ich dabei eine große Chance. Nachfolgend soll gezeigt werden, dass KI in der Ausbildung fast schon zwingend ist, um als Ausbildungsbetrieb ein modernes Ausbildungsversprechen zu halten, welche Chancen sich konkret für Hausverwaltungen ergeben, wie die Umsetzung gelingen kann und welche Fehler vermieden werden sollten.
Betrachtet man die Arbeitswelt, erkennt man mit Blick auf die Nutzung von KI gravierende Veränderungen. Laut BIBB aktuell des Bundesinstituts für Berufsbildung nutzen 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland KI am Arbeitsplatz und empfinden sie als hilfreiche Unterstützung. Zugleich führen viele Betriebe KI nur schleppend ein, sodass sie häufig informell (Stichwort „Schatten-KI“) genutzt wird.1 Wenn aber KI in der Arbeitswelt schon angekommen ist, genügt es für die Ausbildung nicht mehr, das Thema nur lose mitzudenken. Vielmehr entsteht die Erwartung, junge Menschen auf eine Berufswirklichkeit vorzubereiten, in der KI bereits zum Alltag gehört.
Attraktivität entsteht durch ein besseres Ausbildungsversprechen
Die Vermittlung von KI-Kompetenz in der Ausbildung bedeutet aber nicht nur, ein paar Prompts formulieren zu können. KI-Nutzung ist letztlich mit Future Skills wie Problemlösen, dem Schließen von Wissenslücken, Kreativität und Urteilsfähigkeit verbunden. Es geht also um berufliche Handlungskompetenz in einer veränderten Arbeitswelt.
Ergänzend darf nicht übersehen werden, dass für junge Menschen, die als Azubis gewonnen werden wollen, KI bereits Teil des Alltags ist. In den Azubi-Recruiting Trends 2025 sagen 55 Prozent der Befragten, dass KI ihnen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einem dualen Studium helfen kann. Gleichzeitig zeigt dieselbe Studie aber auch: Bei der eigentlichen Berufsentscheidung bleibt menschliche Orientierung deutlich wichtiger. 81 Prozent halten den Rat der Eltern für hilfreicher als Tipps einer KI, und 80 Prozent sehen auch den Rat von Freunden vor dem einer KI.
Entscheidend ist aber auch: KI erhöht nicht automatisch die Attraktivität eines Ausbildungsbetriebs. Sie erhöht die Attraktivität nur dann, wenn sie das Ausbildungsversprechen verbessert. Das ist dann der Fall, wenn Azubis durch die Ausbildung tatsächlich lernen, Informationen besser zu strukturieren, Kommunikation verständlicher zu machen, Abläufe sauberer vorzubereiten, Muster zu erkennen und digitale Werkzeuge reflektiert zu nutzen.2 Anders gesagt: Nicht die Nutzung von KI selbst ist der Wettbewerbsvorteil, sondern die Kompetenzentwicklung, die damit verbunden ist.
Die Chancen der WEG-Hausverwaltungen
So gesehen könnten nun WEG-Hausverwaltungen keine besonders attraktiven Ausbildungsunternehmen mit Blick auf den innovativen KI-Einsatz sein. Viele junge Menschen verbinden die Branche eher mit Verwaltung, Konflikten, Fristen und Papier als mit Innovation. Schaut man aber genau hin, erkennt man vieles, was sich für KI-Integration sehr gut eignet: Eine Hausverwaltung ist prozessnah, kommunikationsintensiv und geprägt von wiederkehrenden Vorgängen. Gleichzeitig verlangt sie Urteilskraft, Priorisierung und einen sorgfältigen Umgang mit Informationen.
Genau in dieser Mischung liegt ein starker Reiz, KI einzusetzen: Azubis können lernen, wie KI bei der Vorbereitung unterstützt, ohne die Verantwortung zu übernehmen. Sie sehen also früh, wo digitale Assistenz nützlich ist und wo menschliche Einordnung unerlässlich bleibt. Das ist kein Nebeneffekt, sondern ein starkes Ausbildungsargument.
Darin liegt eine große Chance. Ich glaube, die Branche muss nicht lauter, hipper oder künstlich jugendlich werden. Sie muss nur zeigen, dass sie Lernorte schaffen kann, die in der Gegenwart angekommen sind. Wer das schafft, gewinnt mehr als ein modernes Image. Er gewinnt ein besseres Ausbildungsprofil, höhere Glaubwürdigkeit im Recruiting und auf längere Sicht oft auch motiviertere, stärker gebundene Nachwuchskräfte.
KI als Add-on statt als integriertes Ausbildungselement
Ein Denkfehler besteht nun, KI im Rahmen der Ausbildung als Zusatzthema zu behandeln. Azubis dürfen dann vielleicht einmal einen Text mit ChatGPT umformulieren oder an einem Vortrag über Digitalisierung teilnehmen. Das ist nett, erzeugt aber kaum Wirkung.
Ein Betrieb wird nicht dadurch KI-affin, dass Auszubildende gelegentlich ein KI-Werkzeug ausprobieren. KI-Affinität beginnt vielmehr dort, wo sich in der Ausbildung eine erkennbare Lernlogik zeigt, also dort, wo die Frage nicht lautet: „Welches Tool nutzen wir?“, sondern: „Welche berufliche Fähigkeit soll hier entstehen – und wie hilft KI dabei?“ Diese Verschiebung ist zentral. So wird sie zu einem Baustein der Ausbildungsqualität statt eines Technikthemas.
Und vermieden werden sollte dann noch ein zweiter Fehler: Viele Verwaltungen glauben, sie müssten für KI in der Ausbildung selbst besonders weit in der Anwendung sein. Das stimmt meiner Ansicht nach nicht. Junge Menschen erwarten nicht zwingend ein voll digitalisiertes Vorzeigeunternehmen. Sie erwarten eher, dass ein Betrieb das Thema ernst nimmt, Orientierung gibt und sinnvolle Lernschritte anbietet.
Was ein KI-affines Ausbildungsunternehmen in der WEG-Praxis tatsächlich auszeichnet
Ein KI-affiner Ausbildungsbetrieb muss also nicht mit komplexen KI-Systemen oder spektakulären Anwendungen beginnen. Wichtiger ist etwas anderes: Klarheit. Ein Betrieb sollte benennen können, welche Kompetenzen Azubis im Umgang mit KI überhaupt entwickeln werden, beispielweise Informationsstrukturierung, Textverbesserung, Vorgangsbearbeitung oder Qualitätskontrolle.
Danach braucht es Praxisbezug, denn KI-Kompetenz entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern durch die Anwendung bei echten Fällen. Erst dann wird aus einer abstrakten Technik ein berufliches Werkzeug. Der Unterschied ist entscheidend. Azubis lernen dann nicht „irgendwas mit KI“, sondern sie lernen einen Beruf unter modernen Bedingungen.
Hinzu kommt ein dritter Punkt, der oft unterschätzt wird: Auch die Ausbilder müssen mitgenommen werden. Das BIBB verweist mit dem Weiterbildungsangebot MIKA ausdrücklich darauf, dass Auswahl, Einführung und Integration digitaler Tools Medien- und IT-Kompetenzen des Ausbildungspersonals voraussetzen.3 Mit anderen Worten: Es genügt nicht, wenn nur die Azubis auf KI neugierig sind. Wer KI sinnvoll in die Ausbildung einbauen will, braucht auch auf Seiten der Ausbilder Sicherheit, Orientierung und einen klaren didaktischen Rahmen.
Konkrete Ansätze für die Integration von KI in die Ausbildung
Wie sollten Hausverwaltungen nun beginnen, KI in die Ausbildung zu integrieren? Nachfolgend fünf Ansätze, die helfen, KI nicht isoliert, sondern als sinnvolle Ergänzung zum Fähigkeitserwerb zu verstehen.
Der Einstieg sollte nicht mit „KI allgemein“, sondern mit einem einzigen wiederkehrenden Vorgang beginnen, in den KI-Unterstützung eingebunden wird. In einer Hausverwaltung könnte das beispielsweise die Bearbeitung eines Rechnungseingangs sein. Ein Azubi lernt dann zuerst, welche Informationen im Rahmen der Bearbeitung gebraucht werden (zum Beispiel Angebot, Stundenzettel, Materialliste, finale Rechnung), welche Rückfragen regelmäßig anfallen (zum Beispiel wenn es Abweichungen von Angebot und Rechnung gibt) und wie KI dann konkret bei der Bearbeitung helfen kann (zum Beispiel Vergleich der einzelnen Positionen, Erstellung eines Anschreibens bei Abweichungen). So kann erkannt werden, dass KI ein Werkzeug ist, das im Rahmen eines Ablaufs – und nicht isoliert als eine Art Ereignis – eingesetzt wird.
Weiter halte ich das Führen eines „KI-Lernjournals“ im Ausbildungsalltag als Reflexionsinstrument für sinnvoll. Darin sollte beispielsweise regelmäßig notiert werden: Was wurde mit KI vorbereitet? Was musste korrigiert werden? Was war hilfreich? Wo war die Ausgabe unbrauchbar? Solche Mini-Reflexionen machen sinnvolle Anwendungsfälle und Lernfortschritte sichtbar und verhindern, dass KI heimlich oder zufällig eingesetzt wird.
Drittens ist die Vermittlung wichtig, dass KI als Hilfsmittel dient und Entscheidungen – auch wenn sie auf KI-gestützten Erkenntnissen basieren – vom Menschen getroffen werden. Azubis sollten früh lernen, dass KI Entscheidungen vorbereiten kann, aber keine fachliche Schlussentscheidung ersetzen soll.
Mein vierter Ansatz ist die Entwicklung einer internen Weiterbildung. Dafür muss eine Hausverwaltung keine eigene KI-Akademie aufbauen. Schon kurze, wiederkehrende Lernimpulse, die regelmäßig auftreten, genügen: ein monatlicher Praxisfall, eine gemeinsame Besprechung typischer Fehler oder die Diskussion eines Textes, der von einer KI oder von einem Menschen geschrieben wurde. Für vertiefende Grundlagen gibt es zudem bereits frei zugängliche Angebote, etwa den KI-Campus mit kostenlosen Lernmaterialien oder Kurse speziell zur Nutzung von KI in der beruflichen Bildung, beispielsweise ki-campus.org. Ebenso existiert die IHK-Zusatzqualifikation „Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen“ für Auszubildende aller Fachrichtungen.4 Solche Angebote ersetzen nicht den innerbetrieblichen Lernprozess, ergänzen ihn aber ausbildungsgerecht.
Der letzte Ansatz, der alles verbindet, ist die Brücke zwischen KI-Kompetenz und der Auswirkung des Erlernten auf die künftige Tätigkeit. Azubis sollen nicht nur erleben, dass KI Dinge schneller macht. Sie sollen erleben, dass sie selbst durch klügere Vorbereitung, bessere Fragen und sinnvolle Prüfungen wirksamer und kompetenter werden. Genau das motiviert. Denn die attraktivste Botschaft eines Ausbildungsbetriebs lautet nicht: „Bei uns gibt es auch KI“, sondern: „Bei uns lernst du, mit den Werkzeugen der nächsten Jahre professionell umzugehen.“
Was Hausverwaltungen besser nicht tun sollten
Ein paar Worte der Warnung noch: Viele Unternehmen springen derzeit auf den „KI-Zug“, um vermeintlich attraktiv auf potenzielle Auszubildende zu wirken. Junge Menschen merken aber schnell, ob ein Thema wirklich gelebt oder nur auf die Karriereseite geschrieben wurde. Authentizität, konkrete Einblicke und reale Informationen sind wichtiger als Modernitätsinszenierungen. Wer also über KI spricht, sollte zeigen können, wo sie im Ausbildungsalltag tatsächlich vorkommt.
Der Umgang mit KI sollte auch nicht an Azubis delegiert werden nach dem Motto: „Die Jungen können das doch ohnehin besser.“ Das wäre bequem, aber verkehrt im Hinblick auf das Ausbildungsziel. Auszubildende bringen oft Offenheit mit, aber nicht automatisch reflektierte Anwendungskompetenz. Ausbildung bleibt Führungs- und Strukturaufgabe des Betriebs.
Und schließlich sollte KI nicht isoliert von den Prozessen im Unternehmen gedacht werden. Denn KI in der Ausbildung ist nicht nur ein Nachwuchsthema, sondern Organisationsentwicklung in kleiner Form. Azubis werden damit nicht nur auf die Zukunft vorbereitet, sondern das Unternehmen trainiert zugleich seine eigene Zukunftsfähigkeit.
Ausblick: Nicht mit einem Tool anfangen, sondern mit einem Ausbildungsversprechen
Vielleicht ist das die wichtigste Konsequenz: Der richtige Einstieg beginnt nicht mit der Frage, welches KI-Tool man als erstes freischaltet; er beginnt mit der Frage, welches Ausbildungsversprechen man jungen Menschen geben will. Wenn auf diese Frage die Antworten lauten, dass Azubis in Hausverwaltungen lernen sollen, strukturiert zu arbeiten, digitale Werkzeuge klug zu nutzen, Ergebnisse kritisch zu prüfen und komplexe Kommunikation verständlich vorzubereiten, dann ist KI kein Fremdkörper mehr, sondern ein sinnvoller und zukunftsgerichteter Ausbildungsbaustein.
Wenn Hausverwaltungen KI sinnvoll in die Ausbildung integrieren, wird sicherlich nicht von heute auf morgen das Problem der fehlenden künftigen Fachkräfte gelöst und auch nicht automatisch jeder Bewerber gewonnen. Aber sie werden viel eher als das wahrgenommen, was heute immer mehr zählt: als Ausbildungsbetrieb, der verstanden hat, dass Zukunft im Ausbildungsalltag von heute beginnt.
Kontakt
Carsten Lexa
CARSTEN LEXA, LL. M., ist Wirtschaftsanwalt, Lehrbeauftragter für Digitale Transformation und Fachbuchautor im Springer Gabler-Verlag und berät an der Schnittstelle von Recht, Wirtschaft und Digitalisierung.
Kanzlei Lexa